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Meerwasseraquaristik - Ist das wirklich schwer

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Seit Anbeginn hüllt sich die Meerwasseraquaristik, oder auch Riffaquaristik genannt, in ein Mäntelchen des geheimnisvollen und unzugänglichen. Der Hang zum Elitären ist nicht zu übersehen.

Vorab sei gleich bemerkt, daß diese besondere Art der Aquaristik auf jeden Fall teurer als die Süßwasseraquaristik ist. Bleibt die Meerwasseraquaristik nur den Experten vorbehalten? Ist das wirklich so? Um diese Frage restlos zu beantworten, müssen ein paar Punkte klargestellt werden.

Vor Jahrmillionen begannen sich in den Ozeanen der Welt subtile marine Lebensgemeinschaften zu entwickeln, die bis heute noch nicht restlos erforscht sind. Das Milieu in den Weltmeeren blieb nahezu konstant. Dementsprechend können sich seine vielfältigen Bewohner nur schwer oder gar nicht an andere Verhältnisse gewöhnen. Das alles ist bei der erfolgreichen Haltung von Meerestieren zu berücksichtigen.

Eingriffe des Menschen in dieses hochspezialisierte Ökosystem, das in seiner Komplexität dem des Regenwaldes gleicht, lassen es stellenweise schlagartig zusammenbrechen. Viele Riffe sind derartig geschädigt, daß ein ein Überleben dieser Biotope fraglich ist.

Einige Bereiche der Ozeane sind nahezu leergefischt, was bedeutet, daß wichtige Nahrungsketten unterbrochen sind. Fehlt auch nur ein Teil dieses faszinierenden Systems, sind die Folgen nicht im geringsten zu kalkulieren.

Aus diesen Gründen sollten alle Meeresaquarianer auf wild gesammelte Steinkorallen verzichten. Die Haltung dieser Tiere sollte den Spezialisten erst einmal vorbehalten bleiben. Allerdings werden als brauchbare Alternative in vielen Exportländern diese Kostbarkeiten in Korallenfarmen nachgezüchtet.

Ferner sollten nur Tiere gehalten werden, denen der Aquarianer in puncto Beleuchtung, Beckengröße und Fütterung auch absolut gerecht werden kann. Verzichten Sie also auf bunte, seltene, exotische Meerestiere, die unter Umständen nur schlecht gehalten werden können und im Aquarium nur eine extrem kurze Lebenserwartung haben.

Doch nun soll die eingangs gestellte Frage beantwortet werden: Jeder, der die Grundkenntnisse der Süßwasseraquaristik beherrscht, und dem Begriffe wie Filterung, Wasseraufbereitung, Bodengrund, Beleuchtung und so weiter vertraut sind, kann praktisch ein Meerwasseraquarium mit einfach zu haltenden Tieren betreiben.

Für viele Meerestiere (Steinkorallen auf jeden Fall ausgenommen) kann auf eine kostenintensive HQI-Beleuchtung (Halogenhochdrucklampen) verzichtet werden. Diese nicht ganz so lichthungrigen Wirbellosen gedeihen oft prächtig unter Leuchtstoffröhren mit der Lichtfarbe Tageslicht. Für ein 200 l Becken (100x40x50, Standardgröße) benötigt man allerdings mindestens drei Röhren, zwei Tageslicht-Röhren und eine Röhre mit einem für die Meerwasseraquaristik geeignetem Blauton. Das blaue Licht gibt "Meerwasser-Atmosphäre", und viele Lebewesen aus größeren Tiefen der Meere benötigen dieses blaue Spektrum. Schon ab wenigen Metern Tiefe bleibt vom weißen Tageslicht nur noch das blaue Spektrum übrig.

Das wichtigste Utensil ist allerdings das Salz. Kochsalz darf auf keinen Fall verwendet werden. Meersalz besteht aus einer ungeheuren Vielzahl von Metallsalzen und Mineralien. Fertig gemischte Meersalze bekannter Hersteller können alle bedenkenlos eingesetzt werden. Die Konzentration des Salzes im Wasser wird Dichte genannt und mit einem Dichtemesser oder Aräometer gemessen. Die angestrebte Dichte im tropischen Korallenriff im Wohnzimmer sollte bei ca. 1,023 liegen.

Ein besonderer Augenmerk ist auch auf die Filterung zu richten. Ein Schnellfilter entfernt groben Schmutz aus dem Wasser und sorgt gleichzeitig für die lebensnotwendige Strömung. Ein biologisches Filtersystem entfernt giftige Stoffwechselprodukte (Ammonium, Nitrit und Nitrat) mittels Bakterien aus dem Wasser. Diese Bakterien schließen diese Stoffe mit Hilfe von Sauerstoff (aerob) oder ohne Sauerstoff(anaerob) auf und wandeln sie in ungiftige Substanzen um. Hiefür stehen zum Vertiefen der Materie Literaturhinweise am Ende des Artikels.

Als Bodengrund hat sich Dolomitbruch, Marmorbruch, Muschelgrus und Foraminiferensand (die kalkhaltigen Hüllen winziger mariner Lebewesen) bewährt. Halten Sie keine Tiere, die sich eingraben, reicht eine Höhe von 8 bis 10 cm völlig aus. Auch im Bodengrund siedeln sich viele Bakterien an, die wie ein gigantisches Klärwerk funktionieren. Als Bodengrund und Dekoration sollten nur kalkhaltige Gesteine ohne Metalleinschlüsse Verwendung finden. Diese Maßnahme ist zum Erhalt des relativ hohen pH-Wertes von ca. 8,2 wichtig. Durch den Kalkgehalt ist der pH-Wert gegen organische Säuren, die bei den Stoffwechselprozessen der Beckeninsassen entstehen, weitgehendst gepuffert. In Europa immernoch umstritten, in den USA allerdings bestens bewährt haben sich die Unterbodenfilter im Durchströmprinzip. Hier wird der Bodengrund als weiterer aktiver biologischer Filter eingesetzt. Dafür war bis vor relativ kurzer Zeit in den USA die Eiweißabschäumung nicht bekannt.

Was ist eigentlich die Eiweißabschäumung? Entwickelt für die Aquaristik wurde dieses System zum Entfernen gelöster Substanzen des Wasseres aus der Abwassertechnik. Vor über 30 Jahren wurde dieses die Meerwasseraquaristik revolutionierende System von dem Solinger Ingenieur Müller erfunden. Mittels eines Ausströmers oder einer Pumpe wird innerhalb eines Kontaktrohres eine Schaumsäule erzeugt. Durch die Reibung der Luftblasen aneinander entsteht eine elektrische Ladung, welche in der Lage ist, die im Wasser gelösten Verbindungen an sich zu binden und so aus dem Wasser zu entfernen. Der aufsteigende verschmutze Schaum wird in einem Schaumbecher aufgefangen. Nach und nach füllt sich der Becher mit einer braunen Flüssigkeit, welche auf keinen Fall ins Becken zurückgekippt werden darf.

Falls Sie in Ihrem Sommerurlaub vielleicht ans Mittelmeer fahren, richten Sie doch ruhig jetzt schon ein Becken ein. Das Meerwasseraquarium muß ohnehin mindestens drei Monate eingefahren werden. In dieser Zeit bilden sich die nötigen Bakterien zum Schadstoffabbau. Dieser Vorgang kann mit verschiedenen Tests aus dem Handel überwacht werden.

Mittelmeertiere von den Felsküsten aus dem Flachwasserbereich sind zum einen im Gegensatz zu den tropischen Arten häufig, sie kennen Temperatur- und Salzschwankungen. Dadurch sind sie robust, anpassungsfähig und bestens für den Anfänger geeignet. Außerdem werden diese Arten nie im Zoofachhandel angeboten. Die angestrebte Dichte sollte hier bei 1,025 liegen. In der Winterzeit sollten die Becken für ein paar Wochen unter 20°C gehalten werden. Sammeln sie aber auch hier nicht wild darauflos. Gezielt eingebrachte Lebensgemeinschaften (Anemonen oder Mittelmeerglasrosen mit Partnergarnelen) oder ein Artbecken mit Großkrebsen (Langusten oder Seespinnen) sind auf jeden Fall interessanter als ein heilloses Sammelsurium.

Auf den Geschmack gekommen? Dann auf jeden Fall noch weitere Grundkenntnisse aneignen und los geht's. Viel Erfolg!

Mathias Henschel

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